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Kein Krimi in der Strassenbahn

26.11.05

Permalink 00:15:10, von zucker   —   Kategorien: main

Kein Krimi in der Strassenbahn

Die Strassenbahn bremst abrupt zwanzig Meter vor der Haltestelle und leitet lautes Klingeln und Hupen ein. Alles nicht sehr komfortabel um einen Krimi klick mich! zu lesen, welchen ich daraufhin sinken lasse und mich umsehe. Erstaunlicherweise schnarrt keine 30 Sekunden später der Hinweis, daß ein PKW das Gleisbett blockiert, durch die Lautsprecher.


Ungeachtet dessen erhebt sich ein circa 60-jähriger Herr und strebt dem Ausgang zu, betastet den Türöffner und sichert sich vorschriftsgemäss an einem Haltegriff, weil davon auszugehen ist, daß die Bahn mit einem mordsmässigen Ruck anfährt, da sie ja noch schlappe zwanzig Meter zurückzulegen hat.


"Der Mann geht in den Kindergarten!" verkündet ein Vierjähriger vom Schoss der Mutter aus, deutet unverhohlen auf den älteren Herrn und steckt sich seinen Lolli wieder in den Mund.


Ich klappe meinen Krimi entgültig zu; _jetzt_ könnte es interessant werden.


Und in der Tat rollen die Augäpfel des Herrn an der Haltestange beunruhigt, er schaut sich vorsichtig um, um resigniert festzustellen, daß nur er gemeint sein könnte. Der Mutter des Kindes ist das nun wiederum sichtlich peinlich, sie zupft verlegen an der Jacke des Dreikäsehochs und wiegelt ab: "Nein, das tut er nicht. Bestimmt nicht!" - mit um Verständnis heischendem Blick Richtung älterem Herrn, der inzwischen ganz versteinert tut. Hätte er doch bloss eine andere Tür gewählt. Und wieso fuhr diese dammichte Bahn nicht endlich weiter.


Der Kleine strampelt ein wenig mit den Beinen, tritt dabei der Mutter unsanft gegens Schienbein, wendet den Kopf nach links, schaut aus dem Fenster, zieht den Lolli lässig aus dem Mund.
"Doch, der Mann geht in den Kindergarten!" beharrt er, und deutet mit der Lollihand auf die Kirche hinter mir und mit der anderen Hand erneut auf den Mann.


Spätestens jetzt ist offensichtlich, daß das Kind nicht einen Kindergartenkumpanen in dem älteren Herrn wiedererkannt hat, sondern schlicht die Kindergarten-Haltestelle identifiziert hat.

Doch statt sich zu freuen, das der Nachwuchs so helle ist und demnächst vielleicht eigenständig durch den Schneematsch in den Kindergarten stapfen kann und darin zu bestärken, beharrt die Mutter: "Nein, der Mann geht _nicht_ in den Kindergarten und nun sei still!"


Flupp, verschwindet der Lolli wieder im verschmierten Kindermund, und der Kleine tastet die Umgebung nochmal mit den Augen ab. Es ist eigentlich offensichtlich, daß der Mann in den Kindergarten will, also zieht er entschlossen den Lolli aus dem Mund, richtet sich auf, tritt zeitgleich gegen Mutters Scheinbein und sagt selbstsicher "Doch!"


Die Mutter schaltet auf Durchzug und kramt in einer Brötchentüte, die Bahn gibt sich einen Ruck und fährt wieder an, und der Mann steigt sichtlich erleichtert zehn Sekunden später aus.


Ich bin zwar kein Pädagoge, aber die ganze Pisadebatte ist hinfällig, wenn Kinder in ihrem direkten Umfeld ein derart laues Feedback bekommen.


Seufzend packe ich den Krimi weg und ziehe dabei die Aufmerksamkeit des kleinen Kerls auf mich. Ich gucke ihn an, und ziehe einen Bruchteil einer Sekunde lang die scheusslichste Grimasse, die ich drauf habe. Er klappt erstaunt den Mund auf, ohne dabei die Lolli zu verlieren, und starrt mich entgeistert an.


Längst schaue ich schon wieder unbeteiligt aus dem Fenster, als er in haltloses Gekichere ausbricht, an seiner Mutter zupft und auf mich deutet. Die guckt ganz ängstlich, was nun schon wieder los ist, aber ich stehe auf, weil die nächste Haltestelle meine ist und zwinkere ihm beim Aussteigen nochmal zu.


Hoffentlich hat der Kurze es nicht drangegegeben seiner tumpen Mutter zu berichten, was er von seiner Umwelt mitbekommt. Statt vor der Glotze geparkt zu werden und da - untermalt von Klingeltönen - zu versauern.