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Freizeitspass in der Kartonburg

29.05.06

Permalink 22:58:03, von zucker   —   Kategorien: main

Freizeitspass in der Kartonburg

Langsam gewöhne ich mich daran mein Dasein in einer Kartonburg zu fristen. Och, es stört kaum, man entwickelt eine gewisse Gelassenheit.
Ein eklatanter Vorteil der neuen Behausung: hier hats keine Schrägen wie in der alten Wohnung. Man kann die Umzugskisten also ins Unermessliche hochstapeln!

Da ich auch furios an der übrigen Technik scheitere habe ich nach wie vor weder Telefon, noch TV-Anschluss, und da ich als eingefleischter TV-Junkie meine Nachrichten immer erst vom Fernsehen vorkauen lasse, um dann im Internet nachzulesen was eigentlich wirklich los ist, nehme ich Nachrichten derzeit eher beiläufig zur Kenntnis.

Zum Beispiel auf dem Weg von zu Hause ins Theater. Wenn mich die roten Verkaufskästen der einschlägigen Schmierblätter darüber informieren, daß wir ein Problem mit einem Bären haben, der Papst aber bereits interveniert.
Gott sei Dank, das wir Papst sind. Was auch immer da los ist: jemand kümmert sich.

click for resizeVorm Crowne Plaza  klick mich! gucke ich auch nicht schlecht. Da hat man das abgestorbene Bäumchen nicht einfach umgemäht, nein, man hat professionelle Hand anlegen lassen und die toten Äste mit den bundesdeutschen Farben bepinseln lassen.
Ich find das ja sehr symbolisch. Überaus symbolisch.
Achso, weil wir ja Weltmeister werden? Ne, so hatte ich das jetzt nicht verstanden. Is schon gut, ich sag nix.
Internationaler Flair, wa? *heuchel*
Aber was weiss ich schon.

Am Wochenende habe ich mich mit dem Ausschlussverfahren durch die Wohnung gebuddelt.
Das Ergebnis: in den Küchenkartons sind die gesuchten Regalbretter _nicht_! Wieso auch. War ja vorher 'nen Küchenregal, soll wieder eins werden, wieso nicht mal 'ne kleine Auszeit nehmen und woanders rumliegen?
Nächstes Wochenende ist lang, da guck ich mal in die Wohnzimmerkartons!
Elf Stück an der Zahl. Hat zufällig jemand einen Satz Billyregale billig abzugeben? Ich mein ja nur... fragen kostet nix.

Den Sonntag habe ich dann mein Tagewerk damit begonnen eine Regenpause abzupassen und das fallsüchtige Bäumchen von Frau Seide in einen schweren Tontopf umzutopfen. Das hatte sich wegen der ständigen Frühjahrsstürme schon dran gewöhnt im Liegen seine Blüten zu sortieren, und langfristig war das nicht optimal.

Anschliessend meldete sich dann der ausgewanderte Magen-Darm-Dingsbums der Frau Kollegin und wollte, daß man ihm Tribut zollt. Das tat ich dann in heftigster Umarmung mit dem Keramikthron in der Nasszelle um anschliessend schwach röchelnd ins Bett zu kriechen und leise vor mich hinwimmernd wegzusterben. Das Pochen in den Schläfen liess die Entscheidung für ein Glas Wasser und zwei Aspirin gewinnen.
Und nach einem längeren Kampf besagtes Wassergemisch auch im Magen zu behalten schaffte ich es dann noch, Frau Seide den verabredeten Theaterbesuch abzusagen.

"Das ist nicht Dein Ernst jetzt?!"
"Doch." fiepte ich und drehte mich so schnell es ging von der Rücken- in die Seitenlage. Das Aspirinwasser wollte wieder woanders hin als ich und ich hob sicherheitshalber den Kopf leicht an.
"Ich werde wahrscheinlich versterben, aber für Euch sind Karten hinterlegt. Du klingst übrigens auch scheusslich."
"Och jo!" Das sonnige Gemüt erwähnte ich ja kürzlich schon.
Sie zählte ihre aktuelle Medikation auf, und ich war 'beruhigt'.

Gegen Abend kämpfte ich mich mit einem Bierkrug voll Kamillentee auf den Balkon durch und starrte leicht dumpfsinnig in den Sonnenuntergang während die Schildkröte feindseelig Seides Bäumchen anglotzte und Gurke zu meinen Füssen frass.

Jemine, wer so viel Freizeit hat, dem kanns garnicht schlecht gehen, gelle?