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"Ich bin jetzt weeeheg, ich zieh die Tühüüür hinter mir zuhuuu!" schreie ich durch die geschlossene Bürotür von El Intendante; gestiefelt und gespornt und im Begriff die Treppe runterzuhüpfen und aufs Rad zu steigen.
Schief gewickelt.
Die Tür klappt auf, der lange Arm von Frau Dramaturgin angelt nach mir und zieht mich ins Büro.
"Halt! Hiergeblieben!" Ich staune.
"Also, Du Frau Zucker, Du," setzt sie an und grinst heimtückisch.
"Jaha?"
"Also im Grunde bist Du doch Dings... " Sie schnippt mit den Fingern, sucht das Wort.. ich staune und gucke noch mehr...
"Dings! Meine PR-Assistentin!"
"Öhm?" reagiere ich verhalten schlagfertig, was mir wahrscheinlich diese unverhoffte Beförderung zum Feierabend eingebrockt hat.
"Diese kleine silberne Knipse... die Du ...dings... immer in Deinem Geraffelsack mit Dir rumschleppst, ist die digital?" wird es konkreter.
"Jaha! Wieso?"
"Sehr gut! Wir brauchen einen Zug!"
"Nein, einen Tisch. Im Zug. Am Fenster. Erster Klasse!" mischt es sich aus dem Hintergrund ein. Der Graphiker.
"Ach?" wende ich mich zu ihm. Er krakelt mit ein paar Strichen auf einem Stückchen Papier. "Und Schliessfächer! Eins soll aufstehen. Der Rest halt zu." Er malt weiter und Frau Dramaturgin nickt begeistert.
So nickt sie immer, wenn sie sich den Kopf zerbrochen hat und ihr dann einfällt, daß man doch ein kleines technisch-versiertes Ding im Büro sitzen hat, daß sich für ein paar Salzstangen willig durch Outlook-Optionen quält, weil alle anderen zu tump sind ihre Signatur zu finden.
"Und dann kaufst Du in einem dieser grässlichen Souvenirshops am Dom noch 'nen Aufkleber, auf dem 'I love Köln' oder sowas steht. Und wo Du grad da am Bahnhof bist könntest Du eigentlich noch 'nen Koffer klauen."
"Nein!" geht Frau Dramaturgin dazwischen, "das wird sie nicht tun!"
"Nicht?" frage ich sicherheitshalber nochmal nach und streiche dann das Wort 'koffaklaun' von der Liste.
"Machst Du das?" strahlt Frau Dramaturgin glücklich, als hätte ich mich freiwillig gemeldet. "Für Sie doch fast alles, Frau Dramaturgin!" hauche ich ergeben und werde entlassen.
Tags drauf:
Ich stelle mein Rädchen vorm Deutzer Bahnhof ab, im mitgeführten Rucksack zwei Kameras mit frischbetankten Akkus. Im Bahnhof steht an einem FIFA-dekorierten Stand ein offenbar extra instruierter Auskunftsbeamter, und den steuere ich zielsicher an.
"Guten Tag, haben Sie hier Schliessfächer?"
Er mustert mich skeptisch. Offenbar ist ihm eingeschärft worden freundlich zu Fremden zu sein, aber ich scheine ja nicht richtig fremd zu sein und wohin kämen wir denn, wenn OttoNormalBürger sich plötzlich an freundliche Töne gewöhnen würde und das dann eventuell auch noch _nach_ der WM einfordern würde... nein, also _so_ geht das ja nun nicht.
"Nein! Keine Schliessfächer!" erfahre ich also in barschem Tone.
Ich tue aber ganz niedlich, denn ich habe irgendwie schon gewisse Zweifel, daß man alles fotographieren darf und auf Theaterprospekte drucken darf wie man lustig ist.
"Aber ICEs haben Sie schon, nicht wahr?" Er guckt erst irritiert, dann misstrauisch. "Natürlich haben wir ICEs!"-"Und die halten auch hier?"-"Klar doch. Auf Gleis 11!"-"Oh, das ist toll, dann mal noch einen schönen Tag, nicht wahr?!" flöte ich und ziehe schnell von dannen, bevor er sich überlegt nachzufragen was für blöde Fragen ich ihm da stelle.
Auf dem Bahnsteig 11 studiere ich die Wagenstandanzeigetafel und finde mich dementsprechend bei Abschnitt E ein, wo nun die nächste 1. Klasse halten soll. Ich krame im Rucksack, checke die Kameras und pappe sie mit diversen Schlaufen und Klettverschlüssen an mir fest und keine zwei Minuten später fährt der Zug ein.
Schnell orientiert, einen Vierertisch angesteuert, die blöde Bahnzeitung
vom Tisch gefegt und losgeknipst was das Zeug hält. Ich habe keine fünfmal den Auslöser betätigt, da höre ich plötzlich das elektronische Piepen der Türen.
"Scheisse!" fluche ich und pflüge im Laufschritt durch den Wagon, renne alles rum, was sich mir in den Weg stellt. Zu spät. Die Tür ignoriert mein Hämmern und Knöpfedrücken und schnappt mit einem entgültigen *klack* zu.
"Scheisse!" wiederhole ich und die 1.Klasse-Nasen gucken sehr böse, wer da ihren teuren Wagen mit solchen Worten belegt und rumrumpelt.
Ich drücke die Nase betrübt an die Scheibe und der Zug fährt an... und ruckelt zu meinem Entsetzen nicht über den Rhein, sondern...
"Scheisse! Wo fährt das Ding denn hin?" frage ich entgeistert.
Der Geschäftsmann, den ich grad umgerannt hab klopft sich sehr finster das Jacket ab und mustert mich von oben nach unten. "Nach Düsseldorf!"
Super.
Ich soll also für das Programmheft für ein Stück, in dem es um den korrupten Wahnsinn in Köln
geht, also für dieses Stück ein Foto machen, und stehe dafür praktischerweise schwarzfahrend im ICE nach Düsseldorf!
"Scheisse!" resümiere ich für alle, die es bis dahin nicht zur Kenntnis genommen haben.
"Wieso hat der blöde Zug denn nur ne Minute gestanden?" frage ich nach kurzem sinnieren darüber, wer eigentlich schuld ist.
"Na, der Zug hat doch Verspätung, das muss er doch gefälligst mal aufholen!" teilt man mir erbost mit.
"Scheisse." sage ich nochmal, und mir fällt auf, daß langsam auch der letzte Depp gemerkt haben sollte, daß ich schwarz fahre.
Also setze ich die "alles-ist-prima!"-Miene auf: "Na, dann geh ich wohl mal den Schaffner suchen!", und man ist sichtlich erleichtert, das ich endlich das Weite suche.
Ich trotte einen Wagon weiter, und male mir das entzückte Gesicht von Frau Dramaturgin aus, wenn ich ihr zu meinen Fotos den Beleg über 16€ + Schwarzfahrzuschlag vorlege. Wahrscheinlich werde ich lebenslang zum Briefumschlägezukleben in den Keller gesperrt. Kurze Karriere als PR-Assistenz. Wenigstens sollte ich was vorzuweisen haben.
Also lümmel ich mich zwischen zwei Tisch-Abteilen rum, und knipse die nächsten 20 Minuten, immer mit vorsichtigem Blick den Gang lang, ob sich ein Schaffner blicken lässt.
Ohne von einem Schaffner behelligt zu werden erreiche ich Düsseldorf, kreuze da durch den Bahnhof, um direkt mal nach Schliessfächern zu schauen, die ich auch finde und so lange ablichte bis ich auffällig werde und lieber wieder einen Bahnsteig aufsuche.
Legal eine Stunde mit der S-Bahn mit Ticket zurück, oder dreist schwarz zurück im ICE in 20 Minuten? Die Entscheidung fällt mir auf dem ICE-Bahnsteig leicht:
ein Meer von fahnengeschmückten Fussballfans strömt Richtung Frankfurt, und es sieht nicht aus, als würde die Bahn Herr der Lage werden.
Also drängel ich mich mit dazu und erkläre auf der Fahrt nach Köln zurück dem einen oder anderen intressierten Argentinier, daß mein Beinkleid nicht 'german', sondern 'bavarian' ist, und eigentlich auch eher 'male' denn 'female'. Und sobald ein Schaffner sich durchs Getümmel fädelt verabschiede ich mich freundlich und schlängel mich meinerseits wieder in die andere Richtung.
Natürlich hält der Zug nicht am Deutzer Bahnhof, und ich vollende mein touristisches Programm informativ mit "Now we are crossing the river Rhein, and you can see the Kölner Dom on the left side!"
Alles strömt auf die linke Zugseite um wenigstens einen kleinen Blick zu erhaschen, und zwei Minuten später stehe ich freundlich verabschiedet wieder auf Heimatboden.
Frau Dramaturgin war entzückt, und lauschte begeistert der Safari ihrer PR-Assistenz. "Dafür hast Du Dir einen Nusshappen verdient!"
Puh, das war knapp. Garnicht so leicht, die Karriereleiter hochzufallen :)
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