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Wenn man sich in einem freien Theater mit der computergestützten Infrastruktur und ihren Anwendern beschäftigt, braucht man gute Nerven und sollte sich durch nichts aus der Fassung bringen lassen.
So ziemlich alle stehen auf Kriegsfuss mit den manigfaltigen Gerätschaften, und so leuchteten viele Augenpaare glücklich; wähnte man eine Fachfrau an Bord.
Ich bremste diesen emotionalen Tsunami erstmal brachial aus:
"Nix da! Outlook, Excel und dieser ganze Office-Anwendungsschnickschnack ist nicht meine Baustelle! Überhaupt! Outlook! Dieses Teufelswerk! Niemals!"
Die eben noch freudigen Blicke trübten sich schnell ein, ein leiser Versuch folgte noch: "Aber wieso der Kopierer schon wieder einen Papierstau meldet ... weisst Du vielleicht?"
"Naja, wahrscheinlich hat er sich an nem Blatt Papier verschluckt, wa?", diagnostizierte ich und unternahm keinerlei Versuche, das mir völlig fremde Gerät in Augenschein zu nehmen. Niemals den kleinen Finger reichen!
Entsprechend enttäuscht wandte man sich von der neuen Mitarbeiterin ab, und ich versuchte es eilig mit aufmunternder Motivation: "Ach, ich bin mir sicher, daß ihr von diesem Officezeugs viel mehr Ahnung habt als ich, ich bin halt eher für die Website zuständig."
-*Pause*- *wenig Begeisterung*- *genaugenommen garkeine*-
"Na gut, natürlich kann man mich gerne ansprechen, manchmal finden sich Lösungen ja zu zweit besser!"
Supereinstieg, Frau Zucker.
Ein paar Tage ertönte ein im höchsten Maße verzweifelter Aufschrei aus dem hinteren Büro:
"WAAAAAAAAAH! Scheisse! ZUUUUUUUUCKER *! Hiiiiilfe!"
Ein solches Getöse ist ein sicheres Zeichen, daß sowieso schon Hopfen und Malz verloren ist. Also stelle ich meine Kaffeetasse ab, rolle schwungvoll vom Schreibtisch weg und schlendere den Gang lang. Vor mir tut sich ein Schlachtfeld von Schreibtisch auf: mindestens vier grosse Aktendeckel liegen quer über dem Tisch verteilt, mittig qualmt eine Zigarette in einem übervollen Aschenbecher, daneben eine Tasse mit einer kalten grauenvollen Brühe, die angeblich Kaffee darstellen soll, und vor diesem Szenario sitzt die haareraufende wimmernde Buchhalterin und deutet verzweifelt auf den Bildschirm.
Auf dem der Cursor zeilenweise abwärts blättert.
"Das rast immer weiter!" und zur Bekräftigung hämmert sie wahllos auf der Tastatur rum und schüttelt die Maus heftigst.
"Kscht-kscht!" sage ich beruhigend, überschaue schnell die einzelnen Komponenten, beuge mich über den Schirm und hebe dabei unauffällig einen der Aktendeckel von der Leertaste. Der Cursor stoppt und ich verkneife mir ein Grinsen. Ich richte mich wieder auf, und lasse dabei den Aktendeckel wieder sinken und natürlich rast der Cursor wieder los.
"OH!" schreit sie."Oh. Es hat eben kurz aufgehört! Oh, scheisse... oh, er macht weiter!"
"Pscht!" herrsche ich sie an und tippe völlig überflüssig gegen das Alugehäuse des TFT-Schirms. "Is ja schon gut, nun beruhige Dich mal.." sage ich zum Display - und hebe wieder den Aktendeckel an und schiebe ihn unauffällig beiseite. Der Cursor hält inne. Dauerhaft.
"Na bitte, geht doch."
Sie starrt mich an.
"Was war das jetzt?" überschlägt sich ihre Stimme gefährlich.
"Hm, ich denke mal, Deine miese Aura hat ihn nervös gemacht. Du solltest ein bißchen freundlicher zu ihm sein. Computer sind sehr sensibel, wenn sie Feindseeligkeit spüren."
"Das meinst Du jetzt nicht ernst?!"
"Türlich! Hast es doch gesehen: kaum spürt er meine Nähe, schon ist alles gut!" Leider kann ich mich nur noch wenige Sekunden an ihrem irren Blick weiden bis es aus mir rausplatzt, und ich sie 'in den Trick' einweihe.
Undank ist der Welt Lohn, und sie bedenkt mich mit fürchterlichen Flüchen während ich immernoch kichernd zurücktrotte.
In der Küchenzeile rührt El Intendante sich grad höchst konzentriert ein Müsli zusammen. Anfangs auch ausgesprochen furchtsam vor der 'Materie Computer', und immer wieder ein Quell höchster Erheiterung.
"Die neue Software findest Du im Netzwerk auf dem Server."
"Welches Netzwerk?"
"_Unser_ Netzwerk. Auf dem Server."
"Wir sind vernetzt? Aber ich bin doch im Büro nebenan! Ich bin nicht mit euch vernetzt!"
"Doch .. *tiefdurchatme* .. auch Du bist vernetzt. Mit uns!"
Ich drehe mich verzweifelt zur Sekretärin um.
"Er weiss nichts vom Netzwerk?"
"Wir haben uns nicht getraut ihm so weitreichende Dinge zu sagen. Das kannst Du jetzt ja machen!", wiegelt sie ab.
"Mein Gott!"
"Ich bin nicht vernetzt!" bockt es hinter mir.
Sehr befremdlich findet er ja auch immer, das ich von zu Hause aus Mails abrufen kann. Also die, die an meine Theateradresse gehen. Das wollte er auch können.
Nachdem Frau Dramaturgin das auch unter zur Hilfenahme ihres Gatten nicht hinbekommen hatte, habe ich bei El Intendante garnicht erst versucht es über Outlookkonten zu lösen.
Nein, was anderes musste her. Dem Himmel sei Dank für den POP3-Sammeldienst
von GMX. Doch das lies sich nicht so einfach bewerkstelligen, denn dazu musste er schon seinen Account aufklappen. Mit Passwort etc.
Also setzten wir uns eines schönen Nachmittags mit einem Tässchen Kräutertee zusammen, und ich schaltete in den freundlichen Sesamstrassenton auf Samson-Niveau, und erklärte ihm möglichst plastisch, was wir vorhaben. Und er sass mit grossen Augen da und lauschte eifrig und nickte immer wenn er was verstand.
"Sooooo! Und jetzt rufst Du Deine privaten Mails ab!"
"Was? Hier?"
"Ja!"
"Das geht?"
"Ja!"
"Wie denn?"
Ich schliesse kurz die Augen, sammele mich.
"Hm. gmx.de sagt dir aber was?"
Nun guckt er sehr misstrauisch, und ich beeile mich ihm zu beteuern, das wir _nicht_ mit gmx vernetzt sind und er sich keine Sorge wegen seiner privaten Korrespondenz machen muss.
"Aber wenn wir das alles eingerichtet haben kannst Du mit Deinem GMX-Account die Theatermails abholen."
"Hier? Hier tu ich das noch mit Outloook!"
"Gna! Nein! Zu Hause. Oder wenn Du mal ein paar Tage unterwegs bist!"
"Achso. Ja"
Ich trippel ein wenig mit den Nägeln auf dem Schreibtisch, und ringe wieder um den freundlichen Kindergärtnerinnenton.
"Und was pflegst Du im allgemeinen zu tun, wenn Du Mails abholst?"
Ratloses Schweigen.
"Wie holst Du mit dem Computer Deine Mails ab?" und mit dem gemütlichen Samsongeplänkel schwingt ein unüberhörbarer Tiffy-Ton mit.
Er zögert. Denkt angestrengt nach. Guckt vorsichtig auf den Rechner, dann auf mich, und ich mache keine Anstalten ihm was vorzusagen.
Dann kommt es. Sehr zögerlich.
"Mit der Maus??"
Ich sog hörbar Luft ein.
"Nein. Das mit der Maus und dem Elefanten ist nächstes Mal dran.
'Mit dem Browser' wäre die richtige Antwort gewesen!"
"Nie gehört!" verschränkt El Intendante die Arme und schiebt schmollend die Unterlippe vor.
Man hat es nicht leicht. In sonem Theater. Aber die Überraschungen sind gerne zum Kringeln :)
* Natürlich brüllte man nicht 'Zucker', sondern.... was adäquates. Was man in der Aussenwelt so zu sagen pflegt, wenn man mich meint. Aber das würde hier wohl zu Verwirrung führen. "Wer ist das? Noch ein Kröt?"
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Frag doch mal die Maus!
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