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Bei mir im Haus wohnt ein taubstummes Paar. Schon wenige Tage nach meinem Einzug raunte mir das die Dame aus dem Erdgeschoss beim informellen Treppenhausgespräch zu. Und es dauerte auch nicht lang, da rannte der männliche Teil des Paares im Schweinsgalopp die Treppe runter an mir vorbei und warf mir einen ausgesprochen bösen Blick zu. Ich war mir keiner Schuld bewusst und nahm mir vor beim nächsten Mal auch böse zu gucken.
Das nächste Mal war er dann aber eindeutig im Nachteil:
ich hatte ein abendliches Schaumbad verkonsumiert und lag mit eingerollten Haaren auf dem Sofa rum, als es gegen halb zwölf klingelte. Ungnädig grummelnd ging ich auf den Balkon und sah den taubstummen Nachbarn vergeblich mit dem Schlüssel im Türschloss stochern. Da ich ungefähr drei Stunden vorher genauso ratlos vor der Tür gestanden hatte bis jemand die Tür von innen öffnete hatte ich doch Mitleid, zog den Bademantel über und trollte mich vier Treppen runter.
Der Nachbar hatte sich scheinbar schon darauf eingestellt die Nacht vor der Tür zu verbringen, als ich die Tür öffnete und er sich umdrehte. Seinem Mund entfuhr ein erschrockenes Quietschen und er starrte mich ziemlich entgeistert an. Das dauerte allerdings keine drei Sekunden, und schon begann er schallend zu lachen, zeigte auf die Lockenwickler und quietschte noch mehr.
Ich mühte mich um einen hoheitsvollen Blick, musste aber auch grinsen, und dann stiegen wir die Treppen wieder hoch - wobei er sich allerdings nicht die geringste Mühe gab sich das Kichern zu verkneifen, den Zusammenhang vergessend, das ich ihn durchaus hörte! Vor seiner Tür drehte ich mich nochmal zu ihm um, nickte und wünschte mit formvollendeter Lippenbewegung eine gute Nacht und verschwand in meine Gemächer, zwei Treppen höher.
Es gingen ein paar Wochen ins Land, da fand ich ein meinem Briefkasten einen handgeschriebenen Zettel vor. Man stellte sich als die Dame aus dem zweiten Stock vor, und man habe ein Paket für mich entgegengenommen. P.S.: Und übrigens sei man taubstumm.
"Ach ne!" grinste ich und machte mich auf meine Post einzusammeln. Ohne weiter nachzudenken lehnte ich mich gegen die Klingel .. und logischerweise klingelte es nicht! Das erste Mal in meinem Leben stellte ich mir die Frage, wie eigentlich die Türklingeln von tauben Menschen funktionieren mögen.
Aus der Wohnung erklang ein Rumpeln, und Sekunden später klärte sich die Frage auf:
die Tür wurde aufgerissen, im Türrahmen stand meine Nachbarin, die Augen weit aufgerissen, patschnass, und sehr leger in ein Frotteehandtuch gewickelt. Die Wohnung hinter ihr lag im Stockdunkeln, dafür beblitzte aber unaufhörlich eine undefinierbare Lichtquelle das Szenario.
"Karamba!" hauchte ich, wedelte idiotisch mit dem handgeschriebenen Zettel und glotze mit halboffenem Mund auf sie und das Licht, welches offenbar von einer Spezialklingel
ausgesandt wurde. Ich hatte meine Nachbarin also offensichtlich unter der Dusche hervorgeholt.
Sie liess ein ähnliches Geräusch verlauten wie ich es bereits von ihrem Kerl kannte, ruderte sich dann aber eckige Handbewegungen zusammen, die offenbar mein Paket darstellen sollten. Zu diesem Zwecke liess sie das Handtuch los, welches ins Rutschen kam, und dann verschwand sie im Dunkeln um die Ecke. Es blitze immernoch und mir brach der Schweiss aus. Ich begann zu rätseln, ob das Armerudern eine Aufforderung beinhaltet haben könnte ihr zu folgen, aber dann kam sie auch schon wieder, mit einer Hand das Paket balancierend, mit der anderen eher ungeschickt das Handtuch zusammenhaltend.
Etwas verworren und um ein nachdrückliches Lächeln bemüht nahm ich das Paket entgegen, bedankte mich artig, wünschte einen schönen Abend. Sie nickte und lächelte ebenfalls wiederholt, und klappte dann die Tür zu.
Auf dem Weg nach oben erholte ich mich von diesem unerwarteten Auftritt, wischte ein paar Wassertropfen von dem Paket. Man ahnt garnicht, wie spannend die Nachbarschaft manchmal sein kann.
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