| « Abschied beim Plastikbaum | Käskopflanden » |
Am frühen Nachmittag hörte es endlich auf zu regnen. Sie pflückte Schal, Mütze, Handschuhe und den Anorak von der Garderobe, nahm vorsorglich ein Päckchen Taschentücher aus der Ikeakommode und lief so gewappnet zu den Dünen
. Eigentlich hatte sie mit Naturgewalten, tosender Gischt und ähnlich spektakulären Auftritten gerechnet, aber das Meer dümpelte gerade im Ebbemodus vor sich hin und schlabberte nur wenige kleine Wellen über den muschelgepflasterten Strand.
Ins Wasser ragten lange Reihen von Holzpöllern, welche die schwere See bei den winterlichen Stürmen im Zaum halten sollten. Diese Methode wurde schon seit Jahrhunderten angewandt, und zerrieben vom Salzwasser brökelte manch Pöller vor sich hin und es mutete an, als hätten die Pfahlreihen Zahnausfall.

"Links oder rechts lang, West-
oder Oostkapelle
?" - die Frage, die sich täglich aufs Neue stellte. Sie wählte den Weg Richtung Westkapelle, immer über die Dünen parallel zum Strand entlang. Ab und zu versperrte der dicht wuchernde Röhricht die Sicht aufs Wasser, doch dann ging es wieder sanft einen Hügel hoch, und sie blieb tief durchatmend stehen.
Schon seit Jahren fuhr sie im Winter nach Holland ans Meer. Was gab es Schöneres als den Blick in die Ferne schweifen zu lassen und wenn der Wind es zuließ suchte sie sich eine Bank zum Verweilen.

Während sie so aufs Meer sah stellte sie sich oft vor, wie es wohl aussähe wenn das Wasser plötzlich weg sei.
Unvermittelt würde sich die Aussicht völlig verändern. Wie tief würde sich die Landschaft wohl vor ihren Augen absenken? Vielleicht könnte sie sogar bis Amerika sehen? Ach was, nein, das wäre nun doch zu weit. Aber versunkene Schiffe ... und was wäre mit den Tieren? Die würden in der Luft weiterschwimmen, ein Schwarm leckerer Matjesheringe, silbrig glänzend, oder ein Wal, der sich verwundert umguckt, wo denn das Wasser geblieben ist. Ein Oktopus, der verwirrt mit seinen Tentakeln in der Luft rudern würde, nichts finden würde um sich festzuhalten, um dann langsam gen Meeresboden zu sinken.
Meist war es zu kalt um länger solchen Überlegungen nachzuhängen, zu sehr pfiff ihr der Wind um die Ohren und ihre Kniee wurden kalt. Also lief sie weiter, den Leuchtturm neben der Vogelschutzwarte als Zielpunkt vor Augen.

In drei Wochen war Weihnachten, und durch die Fussgängerzonen wand sich ein Lindwurm kaufwütiger Menschen, gehetzt ja die richtige Spielkonsole für den auf Revolte eingestimmten pubertierenden Spross zu ergattern, einen spannenden Schmöker um den Gatten während der Feiertage zu beschäftigen, oder eine neue Jahresendflügelfigur für den Weihnachtsbaum, der am letzten Tag doch noch in die Behausung geschleppt werden würde, um irgendwie das Gefühl von Besinnlichkeit im Haushalt aufkommen zu lassen - verdammte Familienbande!
Derlei Assoziationen schwappten allabendlich aus dem kleinen Fernseher in ihr Feriendomizil, und sie pflegte auf dem Sofa sitzend leise gruselnd die Wolldecke bis über die Nase zu ziehen, die Zehen in die Kissen zu krallen und an den Fingern abzuzählen, wieviele Tage sie sich noch von diesem Treiben fernhalten könne.

Sie hatte den Leuchtturm erreicht. Der Wind hatte sich gedreht und wenn sie den Kopf Richtung Westen drehte blieb ihr fast die Luft weg. Sie zog die Kapuze fester über den Kopf und beobachte die Möwen, die kreischend in der Luft auf den Windboen auf- und abhüpften.
Und als der Wind so übermächtig wurde, so eisig, daß ihr schon die Tränen in die Augen stiegen, da drehte sie sich um.
Sie hob die Arme, und der Wind trug sie heimwärts...
Eine Leiche, ein Osterei, eine Taube und ein Besenstiel liessen sich beim besten Willen nicht unterbringen. Hasenköttel und Neopren auch nicht.
Auch wenns so nahe lag :)
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