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Neulich am Brandenburger Tor

03.10.08

Permalink 10:59:37, von zucker   —   Kategorien: main

Neulich am Brandenburger Tor

Ehrlich gesagt bin ich selbst überrascht, in welch einem wüsten ZickZack-Kurs ich durch die Stadt stratze - immer mit Kamera, Falkplan und BVG-Ticket im Anschlag.

Und das ist aaaanstrengend!
Auf der Flucht vor einem weiteren Regenguss landete ich rein zufällig im Raum-der-Stille-im-Brandenburger-Tor.

http://www.raum-der-stille-im-brandenburger-tor.de

Eine echte Oase. Und verhältnismässig still, wenn man mal vom nachbarschaftlichen Rumpeln der Aufbauarbeiten für die Festivitäten anlässlich des Tags der deutschen Einheit absieht.

Ächzend lasse ich mich auf einem der zehn Stühle fallen, und gleichzeitig rutscht der Rucksack von den Schultern. Pause.

Es herrscht ein emsiges Kommen und Gehen im Raum der Stille, und offenkundig überfordert es manch einen, diese Stille, die überhaupt nicht mehr aufhören mag. Aber erstaunlicherweise bleibt es still, kein Handyklingeln - nur das Dröhnen der Tieflader lässt den Boden leicht vibrieren.

Nach vielleicht zwanzig Minuten fühlt sich das Dasein wieder etwa entspannter an, aber bedauerlicherweise nicht wirklich trockener. Sieht so aus, als müsste ich für wohliges warmes Sofalümmeln doch nochmal die BVG bemühen.

Als die Tür des Raum-der-Stille-im-Brandenburger-Tor sich hinter mir schliesst, sehe ich mich einer RBB-Reporterin gegenüber. Die blonden nassen Strähnen stehen etwas unvorteilhaft von ihrem Kopf ab, während sie mir mit zusammengebissenen Zähnen ein knallrotes Mikofon unter die Nase hält, aber offenkundig handelt es sich um Hörfunk, da ist das ja egal.

“Darf ich SIE was fragen?” überfällt sie mich. Der Fluchtinstinkt lässt mich nach der Tür in meinem Rücken tasten, aber ich beschliesse mich halbwegs erwachsen zu benehmen und antworte mit einem vorsichtigem “Ähm…?".
In Reporterkreisen ist das wohl ein eindeutiges “Ja!", also setzt sie nach.
“Was möchten Sie noch von Berlin sehen?!”
“Ähm….", rudere ich orientierungslos mit der Hand in der Luft, sie nickt bestärkend und ihr Blick verrät, daß sie mich nicht aus ihren Reporterklauen entlässt bevor ich irgendwas sage.

Mein Blick geht nach oben, zur tropfenden Quadriga.
“Ein bißchen Himmel über Berlin?” frage ich vorsichtig und ernte einen verständnislosen Blick.
“Naja, ohne Wolkendecke, meine ich.” und deute nach oben. Sie guckt auch nach oben. “Aha! Sonst noch was, was Sie sehen möchten?”
“Ähm.", antworte ich inzwischen gewohnheitsmässig. “Nein, das würde mir eigentlich schon völlig reichen.”

“Dürfet mir Se vielleischt auch was frage?", mischt sich ein touristisches Päärchen ein, welches offenkundig ebenfalls Schutz vor dem unaufhörlich prasselnden Regen gesucht hat. “Aber sicher doch!", gurrt die RBB-Reporterin etwas künstlich und schwenkt hoffungsvoll zum frischen Opfer um.
“Gut. Wo findesch mir hier die näschte U-Bahn-Station, biddä?”

Ich kann mich auch irren, aber von hinten wirkte die Hörfunkerin nun ein kleines bißchen mordlüstern.
“Gutes Stichwort!” bestätigte ich, umklammerte meinen Rucksack und sprintete mit eingezogenen Schultern Richtung U-Bahnhof “Unter den Linden".
Dabei fand ich meine Antwort gar nicht so schlecht, hm?