21.10.08

Permalink 13:34:11, von zucker   —   Kategorien: main

Knopf im Ohr

Mittagspause - Supermarkt - Kühltheke

Ein Bürohengst kramt sich durch drei Kartons Fertigsalat inklusive Plastikgäbelchen und seperatem Dressing. Draussen hat fieses Nieselherbstwetter eingesetzt, und der Bürohengst hat offensichtlich beim Streichholzziehen verloren und muss fürs halbe Büro Salat aufkaufen. Wahrscheinlich wegen der Abwehrkräfte und der Vitamine.
Oder für die Figur.

Mit Mais, ohne Mais, mit Oliven und Weichkäse, oder ganz vegetarisch, oder gar mit Kochschinken?
French Dressing, Joghurtdressing oder schlicht Italian Dressing?
Der Bürohengst stapelt und räumt von links nach rechts und murmelt vor sich hin.
“Mit Käse und Möhrenraspeln will Anne, aber nur wenns Italian Dressing ist, fällt das also weg…” und schiebt eine Salatschale nach hinten ins Regal. “Bernd wollte aber auf jeden Fall mit Schinken, ohne Fleisch brauche ich dem nicht zu kommen, wo war nochmal Kochschinken?”

Ich stehe ungeduldig daneben, die Hände in den Anoraktaschen vergraben und tappe dezent.
Und trete einen Schritt näher. Ihm auf die Pelle. Damit er sich etwas beeilt.
“Was ist eigentlich der Unterschied zwischen diesem French- und diesem Joghurtzeugs?” brubbelt es neben mir, und ich taste das Regal mit den Augen langsam nach Alternativen ab.
Fertiglasagne, eingeschweisste Sandwitchdreiecke, Fleischklopse mit undefinierbarer Sauce…

“Wer sind SIE denn?!” schreit es mich von der Seite an. Ich schrecke aus meinen Überlegungen hoch und ich trete sicherheitshalber wieder einen Schritt zurück.

“Wie bitte?” blaffe ich den Bürohengst an, immernoch mit den Händen in den Taschen.
“Ich dachte, Sie sind meine Kollegin!” erklärt er empört und lässt dabei den Blick nach der passenden Kollegin durch die Gänge schweifen.
“Und ich dache, Sie haben ‘nen Knopf im Ohr.” erwidere ich.
“Ich werd doch noch ohne Knopf im Ohr einkaufen können!” schnappt er beleidigt, hat inzwischen die Kollegin entdeckt und stürmt von dannen, während ich kopfschüttelnd beginne die Salatschachteltürme umzustapeln.

Mit meinem Salat mit Hähnchenbrust und French Dressing schlappe ich zur Kasse, und überhole dabei ein gestikulierendes Pärchen vor dem Weihnachtsgebäckregal.
“Du kannst mich doch nicht einfach stehen lassen, ich quatsche schon wildfremde Frauen mit Salatsaucenfragen voll!”
Sie grinst, ich grinse.

Schon komisch, was man heutzutage fürs Naheliegenste hält, wenn man vor sich hinbrabbelnde Männer im Supermarkt antrifft.


Das war jetzt aber nicht männerfeindlich gemeint. Ich schwöre!
Allerdings ich habe noch nie eine ferngesteuerte Frau im Supermarkt meines Vertrauens gesehen, Männer dafür aber ganz viele.
Samstags.
Ich gebe Ihnen gerne die Adresse!
Dann können Sie gucken gehen!

13.10.08

Permalink 19:10:03, von zucker   —   Kategorien: main

Äpfel und Birnen

480 Millarden Euro schwer ist das “Rettungspaket für die deutschen Banken".

283,2 Milliarden Euro.
Wofür dieses?
Googeln Sie mal.
Richtig.
Auf 283,2 Milliarden Euro belaufen sich die veranschlagten Ausgaben der Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 2008.

“Nanana, nichts wird so heiss gegessen, wie es serviert wird!” werden Sie jetzt vielleicht sagen.
Die 480 Millarden werden ja nicht einfach so auf den Tisch gelegt.
Nein.
Wie auch … ?

“Mit bis zu 400 Milliarden Euro bürgt der Staat für Kredite zwischen den Banken. 80 Milliarden Euro stehen für frisches Kapital an die Geldinstitute zur Verfügung.”
Erklärt mir n-tv unter der Überschrift “Zum Schutze des Bürgers”

Aha. An dieser Stelle taucht eine weitere interessante Vokabel auf.
Bürgen. Hm.. was genau bedeutet das denn?
Bürgen bedeutet, daß der Bürge - in diesem Falle der Staat, also wir alle - sich verpflichtet den Karren aus dem Dreck zu ziehen, den der Schuldner - in dem Falle die deutschen Banken mit ihren waghalsigen Finanzjonglagen - im Dreck versenkt hat.
Können Sie noch folgen?
Bei Wikipedia wird das ausführlich erläutert.
Bürgen hat allerdings nichts mit dem Begriff Bürger zu tun, auch wenn es gerade den Eindruck erweckt, dem wäre so.

‘Bürgen’ ist übrigens auch was ganz anderes als .. sagen wir mal… hm.. sowas hier:
“Wir werden nicht zulassen, dass die Schieflage eines Finanzinstituts zu einer Schieflage des gesamten Systems wird", so Bundeskanzlerin Angela Merkel heute im Berliner Kanzleramt.
“Dafür wird die Bundesregierung sorgen. Das sind wir auch den Steuerzahlern schuldig.”
Merkel wies darauf hin, dass kein Sparer sich um seine Einlagen sorgen machen müsse. Dafür stehe die Bundesregierung ein.

Dies ist eine politische Erklärung, wie die Kanzlerin auf ihrer eigenen Website erläutert.

Zu “politischer Erklärung” fällt selbst Wikipedia nichts mehr ein.
Aber ich glaube, ich habe ein paar politische Erklärungen gefunden, die das Schwergewicht einer solchen Erklärung demonstrieren.

„Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.“
Quelle: Fernsehansprache von Bundeskanzler Kohl anlässlich des Inkrafttretens der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion, 1. Juli 1990

Oder dies hier:
“Die Rente ist sicher.”
Norbert Blüm

Oder auch:
„Über diese Ihnen gleich vorzulegenden Eidesstattlichen Versicherungen hinaus gebe ich Ihnen, gebe ich den Bürgerinnen und Bürgern des Landes Schleswig-Holsteins und der gesamten deutschen Öffentlichkeit, mein Ehrenwort, ich wiederhole: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind.“
Uwe Barschel am 18. September 1987

Das sind politische Erklärungen.
Von einer politischen Erklärung kann man sich nicht mal eine Stange Wassereis kaufen.
Mit einer Bürgschaft sieht es da etwas anders aus.
Die wiegt schwerer.

Also 400 Millarden Bürgschaft und bis zu 80 Millarden können bar in die Banken gepumpt werden.
Zur Erinnerung:
283,2 Milliarden Euro hatten wir zur Unterhaltung unseres Staates für dieses Jahr eingeplant. Inklusive ein paar Auslandseinsätze und so.

Nicht am Unterhalt unseres Staates beteiligen wollen sich übrigens die Zumwinkels dieser Nation. Wer mit dem Heli durch die Weltgeschichte reist nutzt ja schliesslich auch keine Autobahn ab, gell?

Apropos Kohl:
Ich komme heute mal wieder von Hölzchen auf Stöckchen, es ist furchtbar mit mir, ich weiss.

Also.
Apropos Kohl:
während Kohl staatsmännisch blühende Landschaften prognostizierte, bezifferte Lafontaine die Kosten der Wiedervereinigung auf eine Billion.
D-Mark.
Die alte Unke.
Eine Billion D-Mark entspricht übrigens abgrundet
511 Milliarden Euro.

Verdächtig ähnlich mit unseren aktuellen 480 Milliarden Euronen für das Bankendings, gelle?
Aber keine Sorge, Lafontaine war - wie gesagt - eine alte Unke, denn die wahren Kosten der Wiedervereinigung belaufen sich auf … naja, googeln Sie halt nochmal, denn zu dem Thema ist man sich nicht ganz einig.
Aber die haben wir wenigstens auf bisher 18 Jahre verteilt!

Ich vergleiche Äpfel mit Birnen, meinen Sie?
Ich vergleiche hier garnix.
Ich schreib einfach mal ein paar Zahlen untereinander.
Und ich hab Ihnen sogar die ganzen Nullen erspart!

Dann sähe das nämlich so aus:
480.000.000.000 Euro

Seriöse Berechnungen oder Links zu der Frage, wieviel es z.B. kosten würde jedem Kind in diesem Lande einen betreuten Kindergartenplatz zu ermöglichen oder ähnliches sind hier herzlich gerne gesehen.

Wenn ich jetzt nämlich weitergoogle, muss ich den Rest des Abends mit dem Kopf in der Keramik verbringen.
Und das möchte ich nicht.


P.S.: Ich räume ein, daß dieser Eintrag ein wenig … merkwürdig anmutet.
Aber diese ganzen Zusammenhänge zu nachzuvollziehen, das strengt mich sehr an.
Und ab und an eskaliert es halt ein wenig.
Tscha.

12.10.08

Permalink 14:53:26, von zucker   —   Kategorien: main

Heimkommen

Ab der dritten Etage zerrt der Koffer am Handgelenk, aber es ist ja nicht mehr weit. Ich hiefe das Gepäck noch eine Etage höher, stecke den Schlüssel ins Schloss und wuchte die Last in den Flur.
“Frauchen ist wieder da!” brülle ich ins Dunkel, lasse die Taschen fallen und breite die Arme aus.
Jetzt müsste das Kröt mit flatternden Ohren um die Ecke gezischt kommen und mir freudig-fiepend um den Hals fallen… ich tappe wartend und ringe noch ein wenig nach Luft.

Das Kröt hat keine Ohren mit denen es flattern könnte, denke ich.
Und fiepen tut es eigentlich auch nie.
Na gut.

Ich taste nach der Schlafzimmertür, rechter Hand. Finde die Klinke, drücke sie runter und schiebe die Tür auf. Linse vorsichtig ins Dunkel.
“Ernaschnuckchen?”
Kein Laut ist zu vernehmen.
Also wende ich mich der Küche zu und haue mir erstmal das Schienbein am achtlos abgestellten Koffer. “Autsch … Sch…!”
Ich schiebe den Koffer ganz praktisch ins Badezimmer, wo ich erstens das Kröt nicht vermute, und zweitens den überwiegenden Inhalt des Koffers später sowieso der Waschmaschine überantworten werde.

Die Küche liegt erwartungsgemäss ebenfalls im Dunkeln, ich lausche andächtig ob ein leise schnarchendes Kröt zu vernehmen ist - negativ.
Nun bleibt nur noch das Wohnzimmer, dessen Tür ich vorsichtig aufschiebe, vorsichtig für den Fall, daß Erna mit Partyhütchen dekoriert hinter der Tür hervorgehüpft kommt und “Überraschung!” schreit.

Weit und breit kein Kröt. Weder mit noch ohne Partyhütchen.
Enttäuscht setze ich Teewasser auf und brummele leise was von “Undankbares Mistvieh!”
Auf dem stockdüsteren Balkon konsultiere ich das Grün, welches sich ungefähr genauso begeistert über meine Heimkehr zeigt, aber wenigstens haben sich ein paar Tomaten beeilt, bei diesen lausigen Temperaturen noch schnell nachzureifen bevor sie kommendes Wochenende gnadenlos untergebuddelt werden.

Zwanzig Minuten später bin ich wieder bei Kräften, rücke zielsicher das Leopardensofa von der Wand ab und angele eine ziemlich eingestaubte und verdreckte Schildkröte dahinter hervor. Erna klappt eine Auge auf und streckt den Kopf vorsichtig aus der Behausung, was ich nutze und ihm den Staub von der Nase knutsche.
“Mein kleines Duziduzi-Schnuffelkröt, Mama ist wieder da!” freue ich mich wie ein Schneekönig, während Erna sich sich wieder in den Panzer zurücktrollt.
“Hast Du mich vermisst?” frage ich, als er den Kopf nochmal rausstreckt, was ich mit einem weiteren Schmatzer quittiere - und Erna legt wieder den Rückwärtsgang ein.

Nachdem ich den Kleinen hinreichend abgeknutscht habe gönne ich ihm wieder Boden unter den Füssen und krame ein Stück Schrumpelsgurke aus dem Kühlschrank hervor, über die sich das Tier ganz schön gierig hermacht, während ich zufrieden im Sessel daneben sitze und resultiere:
“Hah, siehste, hast mich doch vermisst!”

03.10.08

Permalink 10:59:37, von zucker   —   Kategorien: main

Neulich am Brandenburger Tor

Ehrlich gesagt bin ich selbst überrascht, in welch einem wüsten ZickZack-Kurs ich durch die Stadt stratze - immer mit Kamera, Falkplan und BVG-Ticket im Anschlag.

Und das ist aaaanstrengend!
Auf der Flucht vor einem weiteren Regenguss landete ich rein zufällig im Raum-der-Stille-im-Brandenburger-Tor.

http://www.raum-der-stille-im-brandenburger-tor.de

Eine echte Oase. Und verhältnismässig still, wenn man mal vom nachbarschaftlichen Rumpeln der Aufbauarbeiten für die Festivitäten anlässlich des Tags der deutschen Einheit absieht.

Ächzend lasse ich mich auf einem der zehn Stühle fallen, und gleichzeitig rutscht der Rucksack von den Schultern. Pause.

Es herrscht ein emsiges Kommen und Gehen im Raum der Stille, und offenkundig überfordert es manch einen, diese Stille, die überhaupt nicht mehr aufhören mag. Aber erstaunlicherweise bleibt es still, kein Handyklingeln - nur das Dröhnen der Tieflader lässt den Boden leicht vibrieren.

Nach vielleicht zwanzig Minuten fühlt sich das Dasein wieder etwa entspannter an, aber bedauerlicherweise nicht wirklich trockener. Sieht so aus, als müsste ich für wohliges warmes Sofalümmeln doch nochmal die BVG bemühen.

Als die Tür des Raum-der-Stille-im-Brandenburger-Tor sich hinter mir schliesst, sehe ich mich einer RBB-Reporterin gegenüber. Die blonden nassen Strähnen stehen etwas unvorteilhaft von ihrem Kopf ab, während sie mir mit zusammengebissenen Zähnen ein knallrotes Mikofon unter die Nase hält, aber offenkundig handelt es sich um Hörfunk, da ist das ja egal.

“Darf ich SIE was fragen?” überfällt sie mich. Der Fluchtinstinkt lässt mich nach der Tür in meinem Rücken tasten, aber ich beschliesse mich halbwegs erwachsen zu benehmen und antworte mit einem vorsichtigem “Ähm…?".
In Reporterkreisen ist das wohl ein eindeutiges “Ja!", also setzt sie nach.
“Was möchten Sie noch von Berlin sehen?!”
“Ähm….", rudere ich orientierungslos mit der Hand in der Luft, sie nickt bestärkend und ihr Blick verrät, daß sie mich nicht aus ihren Reporterklauen entlässt bevor ich irgendwas sage.

Mein Blick geht nach oben, zur tropfenden Quadriga.
“Ein bißchen Himmel über Berlin?” frage ich vorsichtig und ernte einen verständnislosen Blick.
“Naja, ohne Wolkendecke, meine ich.” und deute nach oben. Sie guckt auch nach oben. “Aha! Sonst noch was, was Sie sehen möchten?”
“Ähm.", antworte ich inzwischen gewohnheitsmässig. “Nein, das würde mir eigentlich schon völlig reichen.”

“Dürfet mir Se vielleischt auch was frage?", mischt sich ein touristisches Päärchen ein, welches offenkundig ebenfalls Schutz vor dem unaufhörlich prasselnden Regen gesucht hat. “Aber sicher doch!", gurrt die RBB-Reporterin etwas künstlich und schwenkt hoffungsvoll zum frischen Opfer um.
“Gut. Wo findesch mir hier die näschte U-Bahn-Station, biddä?”

Ich kann mich auch irren, aber von hinten wirkte die Hörfunkerin nun ein kleines bißchen mordlüstern.
“Gutes Stichwort!” bestätigte ich, umklammerte meinen Rucksack und sprintete mit eingezogenen Schultern Richtung U-Bahnhof “Unter den Linden".
Dabei fand ich meine Antwort gar nicht so schlecht, hm?

01.10.08

Permalink 11:23:14, von zucker   —   Kategorien: main

Berrrrrlin

Tegel im Regen
Wenn man die Berliner Regengöttin besucht darf man wahrscheinlich nichts anderes erwarten. Dabei treff ich sie erst Freitag. Schneit’s dann?

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