
Erna vor Frauchens Erstlingswerk!
Ich liege mit den Schildkröten auf dem Balkon und arbeite an meiner Erleuchtung. Nr.25 haust in einem blauen Wäschezuber, in welchem ich einen kleinen Abenteuerparcour installiert habe damit sich das kleine Ding nicht langweilt zwischen den Hauptbetätigungen: Fressen und Schlafen.
Und damit Nr.25 am Familiensonnenbad teilhaben kann wird kurzerhand der gesamte Bottich auf den Balkon gehieft.
Das Rumtragen von Schildkröten hat in diesem Haushalt ja Tradition. Erna hatte scheins keine Lust zu warten bis ich aus dem Bett falle, sass schon unter der Sonnenliege als ich in Erscheinung trat und lässt sich seitdem völlig lethargisch jede Stunde in einen wassergefüllten Blumentopfuntersetzer schubsen, wo er ein paar Minuten vor sich hinplätschert, um dann unter leisem Ächzen wieder zu dem Stapel Gurkenscheiben zu krauchen. An denen wird verächtlich geschnuffelt, und dann werden wieder die Minuten gezählt bis ich den Kopf aus dem Zen-Buch hebe, “Erna,Erna.” sage, und ihn wieder zurück in den Schildkrötenpool schubse.
Nr.25 wird durch das Geschaukele des Krötbehältnisses während des Transportes kurz aus dem Mittagsdösen geholt, schnuppert darauf interessiert ob sich ausser den Lichtverhältnissen etwas verändert hat, um anschliessend unter eine Tonscherbe zu robben, welche offenkundig die Schlafstätte zu darstellt. Und hier wird dann weitergedöst bis ich hinreichend übers Erleuchten im Bilde bin und das schlaftrunkene Ding zu meiner persönlichen Bespassung unter der Tonscherbe hervorpölke.
Ich kratze also die Blumenerde von Nr.25 ab, tupfe ab und an auf die Krötennase damit das Biest nicht wieder versucht die Mama zu beissen und werfe das Tier zum Wachwerden in den - zum Parcour gehörenden - eigenen Krötenpool. Selbstverfreilich handelt es sich hierbei ebenfalls um einen Blumentopfuntersetzer. Bei Nr.25 achte ich allerdings drauf, daß das Viech nicht absäuft … is ja noch klein, da weiss man ja nicht wies kommt.
So aufgescheucht klettert Nr.25 fluchend aufs Trockene, nagt brav an einem Stück Eierschale und Löwenzahnblättern, um sich in einem günstigen Moment unter die Tonscherbe zu retten und vorausschauend etwas tiefer einzubuddeln. “Du Kluges, Du!” flüstere ich und schleppe den Schildkrötenzuber wieder ins Wohnzimmer - offenkundig war das Sandmännchen da und ich habe für heute nichts mehr zu vermelden.
Im Kühlschrank marinieren zwei Hühnerbeine vor sich hin, zusammen mit buttertriefenden Maiskolben und Tomatensalat eine ausgezeichnete Basis für den abendlichen Wallander.
Erna reckelt sich gähnend in der Abendsonne; nun wo Nr.25 im Bett liegt ist er wieder der uneingeschränkte Chef im Gelände und mit sich und der Welt im Reinen.
“Uns gehts gut, gelle, Schätzchen?” schwinge ich mich aus dem Sonnenstuhl um den Grill vom anderen Balkon zu holen, und Erna nickt unmerklich.
Und als ich drei Minuten später zurückkehre ist er schon unters Leopardensofa geschlüpft und schubbert sich an den hinteren linken Sofafuss geschmiegt in den Schlaf.
Grillen und Wallandergucken ist ja auch nix für kleine Kröts.

Das ist Nummer 25.
Putzig, gelle?
Nummer 25 ist eine Breitrandschildkröte, kommt aus Bonn-Beuel und wird ab sofort Erna tatkräftig darin unterstützen mir das Leben schwer zu machen.
Nummer 25 sass inmitten eines Pulks von Schildkröten unter der Heizlampe und rannte neugierig auf mich los um mich abzuschnuppern.
Und ich schmolz weg :)
Auf der Heimfahrt sass der kleine Käfer todesmutig auf meiner Hand und guckte aus dem Zugfenster, und ein Frühaufsteher scheint er auch zu sein.

Er?
Keine Ahnung, das werden wir erst in 5-6 Jahren wissen … und ob’s vielleicht doch einen etwas… individuelleren Namen bekommt, das wird sich zeigen.
Und Erna? Der scheint gerade der Frühjahrsmüdigkeit zu frönen, jedenfalls habe ich die Beiden einander noch nicht vorgestellt. Ich nehme an, daß ihm das ziemlich schnuppe sein wird. Der wird aber noch staunen, wie gross dieser kleine Hosenknopf in den nächsten… hm… 10 bis 15 Jahren wird!
Mal sehen, was für Marotten Nummer 25 entwickelt, aber ich hoffe, daß der wahre Kampfgeist noch ein wenig auf sich warten lässt … ich werde berichten :)
“Und? Wie gehts Erna?”
Fick Dich. Denke ich.
Der Klassiker.
“Und, wie gehts?”
Aber während mein Gegenüber beim Klassiker als Antwort nur ein:"Alles bestens, und selbst?” erwartet, wird mit der Frage nach Erna auch noch eine lustige Geschichte angefordert.
“Erna schläft. Es ist Winter!”
Wenigstens antworte ich.
“Och.”
Ich warte ab, wie sich dieser Dialog fortsetzen soll.
“Schläft?”
“Ja, Winterschlaf.”
Ich bin gnädig und kommentiere ‘witzig’:
“Wenn Erna sich hinter der Bierkiste zusammenrollt und an den Kühlschrank kuschelt, dann ist das ein klassisches Zeichen für Winterschlaf.”
Mein Gegenüber kichert blöd.
Das Gespräch verstirbt.
Wieder mal stimmte der erste Gedanke.
Fick Dich.
P.S.: Erna hockt tatsächlich hinter der Bierkiste neben dem Kühlschrank.
Und weils nicht nach vermodernder Schildkröte riecht, schläft der Kleine wahrscheinlich.
Hoffe ich inständig!
Anderweitige Erfahrungen werde ich hier dann entsprechend mitteilen.
“Das, liebes Tier, das nennt sich Durchzug!", erkläre ich dem staunenden Kröt, welches auf dem Sonnenbalkon hockt und schwer beeindruckt ins verqualmte Wohnzimmer guckt. Beziehungsweise mich anglotzt, mich, welche soeben aus den Qualmwolken erscheint und verzweifelt versucht den schrillenden Rauchmelder von der Batterie zu separieren.
“Hah!” Das markerschütternde Fiepen hat aufgehört und ich präsentiere Erna stolz den 9 Volt-Block, welchen ich dem Rauchmelder soeben aus der elektronischen Seele entrissen habe.
Das dumme Tier ist mit dieser Informationsflut völlig überfordert, also räuspere ich mich erklärend.
An mir ist echt ein Pädagoge verloren gegangen, find ich!
Aber das nur mal so nebenbei.
“Natürlich ist das nicht der Durchzug, sondern nur das Ergebnis von Durchzug.", erläutere ich. “Der Qualm steht nämlich nicht nur im Wohnzimmer, sondern in der ganzen Bude, jawoll, da guckst Du, und zwaaaaar…” , hole ich armerudernd aus, links den Rauchmelder, rechts den 9 Volt-Block, “.. und zwar, weil ich auf dem anderen Balkon grille!”
Ich mache eine Pause und forsche in Ernas Miene nach irgendwas … was aber nicht da ist. Grillen findet Erna eher unspannend.
“Ja, also, ich grille, und zwar direkt neben Deinem Stein!”
Verständnislose Blicke.
Ich beuge mich runter und flüstere: “Neben Deinem tollen neuen Schubberstein.”
Die plötzliche Nähe zwischen Ernas Kopf und meinem hungrigen Mund behagt dem Vieh so garnicht und er verzieht sich rasch ins Gehäuse.
“Aber .. “, verkünde ich grossmütig, ” .. aber, Du sollst nicht darben, ich habe Dir ein paar Champignonsfüsse mitgebracht!", welche ich ihm vor die Nase kullere, die nur geringfügig aus dem Panzer rauslugt.
Ungefähr 10 Sekunden hadert es im Gehäuse, dann siegt die Gier und Erna verschlingt die Championreste. Derweil pflücke ich meine zweite eigene Tomate, eine ‘Black Sea Man’ vom Strauch und verschwinde wieder im Qualm Richtung krötfreien Grillbalkon.
Haben Sie schonmal ein Black Sea Man-Tomate gegessen?
Oh… ahhhhh… hmmmm… DAS sind vielleicht leckere Tomaten!
Eine klitzekleine Prise Salz, frisch gemahlender Pfeffer, ein Tröpfchen italienisches Olivenöl drauf…hmmm…… sowas Gutes!
Mit einem Hauch von schlechtem Gewissen finde ich mich nach dem Ausschlachten meiner üppigen Grillplatte wieder auf dem anderen Balkon ein, der Durchzug hat die Wohnung dazwischen auch wieder halbswegs rauchfrei gepustet.
Aber es ist Viertel vor 8, das Schildkrötensandmännchen war längst da, und Erna hat sich inzwischen leiseschnarchend in die Sonnenschirmhülle gekuschelt, welche unterm Sonnenstuhl zusammengeknüllt ihr Dasein fristet.
Ich tippe dezent-höflich auf den Panzer, häufe ein paar Tomatenreste vor die Nase, aber der Kleine verkriecht sich nur noch tiefer und hat offenkundig genug von mir heute.
Na gut.
Morgen ernte ich dann mal ein Kleines Ochsenherz.
Aber ob ich DANN noch teilen will.. also, ich glaubs ja eher nicht.